Der Persongedanke bei Romano Guardini
2006 wurde ich gebeten, für eine Hausarbeit im Rahmen eines Fragebogens meine Erkenntnisse zum "Persongedanken bei Romano Guardini" mitzuteilen. Hier nun meine damaligen Antworten (mit nur wenigen Korrekturen und Ergänzungen).
Die wichtigsten Eckpunkte des Persongedankens von Romano Guardini
- Unterscheidung zwischen Person (Würde) und Persönlichkeit (Individualität)
- Grundpolarität von Welt und Person (Gegensatzlehre)
- Gesellschaft/Gemeinschaft als Ordnung von Personen (dabei trinitätstheologische Grundlegung: Gemeinschaftsordnung als „Fußspur der Trinität“)
- Dialogphilosophische Konzeption
- Person in der Masse (wobei Masse nicht negativ, sondern zunächst als neutrales Kennzeichen der Nach-Neuzeit gesehen wird)
- Abkoppelung von Person und Egalitarismus/Demokratismus (alle sind Personen, aber nicht alle sind gleich; Gleichberechtigung statt Gleichmacherei)
- Person als Träger der Ganzheiten Kirche („Erwachen der Kirche in der Seele“) und Staat („Staat in uns“), so dass diese Ganzheiten von „oben“ („Hoheit“, nicht nur Menschenwerk) und „innen“ dem Menschen gegenüberstehen
- Person als Träger des Gewissens, das die Spannung zwischen Freiheit (Selbstbestimmung) und Autorität (Gehorsam) ausgleicht und auf die jeweilige Situation bezieht.
- Person setzt absolute Wahrheit voraus, aber diese Wahrheit ist dennoch polyphon
Trinitarische oder christologische Grundlegung des Personbegriffs
Die These, bei Romano Guardini sei die Begegnung mit Jesus Christus Eckpunkt des Personbegriffs, habe ich in Frage gestellt. Denn meiner Ansicht nach liegt der Eckpunkt im Schöpfungs- und Erlösungswirken der Trinität (Gottebenbildlichkeit und Gotteskindschaft). Christus hingegen ist Eckpunkt unseres Christseins, nicht unseres Personseins.
Der Platz eines personalen Gottes in der Welt von heute
Für Christen muss Gott einen Platz in der Welt von heute haben und diese haben den Auftrag die Welt so zu gestalten, dass ihre Mitmenschen in ihrem Wirken den konkret-lebendigen, personalen Gott erkennen können.
Bei Guardini hängt es nicht von den Menschen ab, ob Gott Platz hat. Gott ist da, die Frage ist, ob der Mensch diese Anwesenheit erkennt und akzeptiert. Gott bleibt treu.
Guardini tritt gegen die Abstrahierung des Gottesbegriffs bei Kant, die Pantheisierung des Gottesbegriffs durch Hegel und die Nihilisierung des Gottesbegriffs bei Nietzsche ein, die dazu geführt hätten, dass die Errungenschaften des personalen Gottesglaubens in säkularisierter Form als Selbstverständlichkeiten vorausgesetzt werden. Dies hat es den nur oberflächlich gesehen „gottlosen“ Totalitarismen ermöglicht, „politische Religionen“ zu konstruieren, die aber alle nicht ohne Gottesbezug, wenn auch im Falle des Kommunismus nur negativ und im Fall des Nationalsozialismus mythologisch, auskommen.
Guardini prophezeit für die Nachneuzeit eine Wiederentdeckung der Religiösität, die Frage ist nur ob diese Religiösität noch christlich ist oder nicht eher buddhistisch. Und dies hängt in entscheidendem Maße vom Verhalten der Christen ab.
Guardinis Personbegriff in der säkularen Welt
Für Christen gibt es meiner Meinung nach keine Alternative zu Guardinis Begriff der Person, denn eine reine humanistische Begründung der Person reicht angesichts der ethischen Herausforderungen der Nach-Neuzeit (Macht, Technik) nicht aus.
Nicht-Christen müssen damit leben lernen (auch das ist Toleranz), dass Christen einen anderen Personbegriff haben als sie, so wie Christen ihrerseits respektieren müssen, dass sie zwar auf die Ewigkeit bezogen „absolute Wahrheiten“ für sich postulieren können, aber diese in einer pluralistischen Welt dialogisch anbieten müssen in Wort und Tat (Glaubwürdigkeit, Wahrhaftigkeit)
Der Personbegriff Guardinis ist der Personbegriff des Zweiten Vatikanischen Konzils und im übrigen auch des jetzigen Papstes, der Guardini-Anhänger ist [gemeint war damals Papst Benedikt XVI., wobei ich das mit der Anhängerschaft heute so nicht mehr formulieren würde]
Die Stärken und Schwächen des Personbegriffs bei Romano Guardini
Die Stärken des Personbegriffs bei Romano Guardini liegen in seiner unhegelianischen, nicht dialektischen Grundlegung, der ihn vor Extremisierung und Synthetisierung bewahrt. (Dialogik versus Dialektik, lebendig-konkrete Spannungseinheit statt Synthese)
Schwächen gab es damals meiner Meinung nach keine [und dies ist bis heute so gebliben].
Der Personbegriff von Romano Guardini ist aktuell, weil wir uns auf höherem Niveau wieder in der Situation von 1905 befinden, in der Guardini mit seinem Freund Karl Neundörfer seine Gegensatzslehre, in deren Kontext der Personbegriff steht, nach einer religiösen Krise entwickelt haben. Viele gerade junge Menschen haben erneut Probleme mit einem ausschließlich liberalistischen, individualistischen, relativistischen Menschenverständnis und den autonomistischen, anti-autoritären Gesellschaftskonzeptionen und wenden sich intuitiv dagegen (Zulauf der Neuen Geistlichen Gemeinschaften). Erneut kommt es also zu einer „Sehnsucht nach Gemeinschaft“, die sich aber schon wieder in eine fanatische Gemeinschaftstümelei steigert, die unter Umständen wieder blind macht vor politisch-ideologischen Gemeinschaftsutopien. Hier braucht es wieder jugendbewegte Pädagogen und verantwortliche Jugendliche und junge Erwachsene, die am Puls der Zeit lebend ein polares Person/Welt-Verständnis dialogisieren, das alle Extreme vermeidet und stattdessen lebendig-konkrete Spannungseinheiten gestaltet.
Möglichkeiten der Verwirklichung von Guardinis Personbegriff im alltäglichen Leben und im pädagogischen/seelsorgerischen Alltag
Auch heute noch gilt es
- eine Bildungslehre zu entwickeln, statt einer Pädagogik oder Erziehungslehre. Ihre zentralen Begriffe sind: Dienst, Sachgerechtigkeit, Bildung und Begegnung;
- gemäß Guardinis Gegensatzlehre jungen Menschen den Unterschied zwischen Widersprüchen (entweder gut oder böse) und Polaritäten (sowohl heimatbewusst und weltoffen, sowohl freiheitsliebend als auch bindungsbereit“, usw.) aufzuzeigen;
- junge „katholische“ (nicht im konfessionellen Sinne) Menschen in eine Form der Selbstbildung hineinzuführen, in der sie die Scheu vor Technik, Macht und Masse verlieren und aus einem konstruktiven Umgang heraus einen Ethos der Technik, der Macht und der Masse entwickeln;
- neue Begegnungsmöglichkeiten und –formen kreieren („Burg Rothenfels“ war damals ein ziemlich neues Modell von Jugendselbstbildung im Miteinander der Generationen und Geschlechter);
- die Bereitschaft der Jugendlichen zu vermehrtem soziales Engagement bei aller berechtigten Freiheit und in aller notwendigen Bindung nicht nur fordern, sondern fördern;
- eine klare Anti-Drogen-Erziehung („Abstinenzgedanken“) neu formulieren;
- Sensibilität der Jugendlichen für Rituale zurückbinden an tragfähige, sprich dauerhafte Riten
Fazit
Guardini war nicht nur ein Mann, der nicht nur „konservativ mit Blick nach vorn“, sondern gleichzeitig „renovativ mit Blick zurück“. Er war der Überzeugung, dass "das ganze Leben ... aus lauter Gelegenheiten" besteht, "dem Herrn zu begegnen. Ja, darauf kommt es an, dann sind alle diese Begegnungen ebenso viele Anrufe zur Gefolgschaft." Diese Begegnung mit dem Herrn und mit jeder Person ist wie der Wind, der über eine Sommerwiese streicht; wie ein Fenster zur Vielgestaltigkeit der Welt; wie ein Schallplattenspieler, der die Wahrheit polyphon zum Klingen bringt. Sich als Person der Grundpolarität mit der Welt bewusst (Selbstbildung, Gewissensbildung) zu stellen und als Person die Welt so zu gestalten, dass die zur Person und zur Welt gehörenden Polaritäten nicht zu abstrakten Synthesen oder zu extremen Widersprüchen werden, sondern sich in lebendig-konkrete Spannungseinheiten verwirklichen.
Wir sind von Gott her schon immer Person, müssen es - wie auch beim Heiligsein und Kind-Gottes-Sein - nicht erst "werden" im Sinne von erst in uns "schaffen" oder "erreichen". Es geht darum, dieses Personsein zu entfalten und es in der Welt zu bewähren und zu verwirklichen. Dieses Personsein ist auch unverlierbar, wohl aber vernachlässigbar oder verdrängbar. Und genau dieses Missverhältnis der Vernachlässigung und Verdrängung, diese "Krise der Person" bewusst zu machen, sah Guardini als eine seiner wesentlichen Aufgaben an.