Die „neue Kunst“ als „Erwachen der Mystik in den Seelen“ und als Apokalyptik des „Weißen Reiters“
Die „neue Kunst“ als „Erwachen der Mystik in den Seelen“ und als Apokalyptik des „Weißen Reiters“
Expressionismus
Der Begriff Expressionismus in Deutschland (1911/12)
Der künstlerische Expressionismus, der die Zeit von etwa 1900 bis 1920 umfasst, knüpfte in seinem Schaffen an den vorausgehenden Symbolismus an. Viele Expressionisten sahen sich selbst als „die Wilden“. Zunächst waren die französischen Expressionisten „les Fauves“ genannt worden [Im Kontext der nachfolgenden Gotik-Expressionismus-Diskussion wurde immer wieder darauf verwiesen, dass die Gotik wie der Expressionismus ihren Ursprung letztlich in Frankreich hatten.].
Diese Charakterisierung als "Die Wilden" machten sich dann verschiedene deutsche Künstlergemeinschaften zu eigen, zunächst 1905 „Die Brücke“, dann 1911 auch „Der blaue Reiter“.
Ab diesem Jahr 1911 wurde auch der Begriff Expressionismus in Deutschland verwendet, meist im Umfeld von Herwarth Walden, dem damaligen Ehemann von Else Lasker-Schüler. Unter anderem steht er im Vorwort des Katalogs der 22. Ausstellung der „Berliner Sezession“ im April 1911, die vor allem junge französische Maler zeigte. Auch Walden, der unter dem Titel Expressionisten im März des folgenden Jahres die erste Ausstellung seiner „Sturm-Galerie“ in Berlin organisierte, hatte dabei vor allem Bilder junger französischer Maler wie Braque, Derain, Dufy, Picasso und Vlaminck im Auge. 1914 kam Chagall hinzu.
Aber auch Wilhelm Worringer gebraucht 1911 in der von Herwarth Walden begründeten Zeitschrift „Sturm“ diesen Begriff und bezieht ihn auf die Malerei der „jungpariser Synthetisten und Expressionisten“: „Aus derselben Notwendigkeit heraus, aus der wir den jungpariser Synthetisten und Expressionisten ein williges Verstehen entgegenbringen, ist in uns ein neues Organ lebendig geworden für die primitive Kunst.“ (Zur Entwicklungsgeschichte der modernen Malerei, in: Der Sturm II, 1911, S. 597f.) Dieser Beitrag erschien auch in der Broschüre „Im Kampf um die moderne Kunst. Die Antwort auf den Protest deutscher Künstler“ (München 1911, hier S. 94ff.), in der Maler wie Liebermann, Slevogt, Corinth, Beckmann, Pechstein, Kandinsky, Macke, Marc u.a. sich gegen die nationalistischen Angriffe des Malers Vinnen in seiner von 132 heute meist unbekannten Künstlern unterzeichneten Schrift „Protest deutscher Künstler“ auf die „internationalen Ästhetencliquen“ unter der „stilistischen Vormacht Frankreichs“ zur Wehr setzten.
Auch Max Deri spricht in seinem Aufsatz "Die absolute Malerei" (in: Pan 2, 1911/12, S. 1201–1207) vom Expressionismus.
Und Paul Klee verwendete den Begriff „Expressionismus“ bereits im August 1912 in einer Abhandlung über die Ausstellung des „Modernen Bundes“ im Kunsthaus Zürich und bezieht ihn damit außer auf sich selbst unter anderem auf Künstler wie Hans Arp, Walter Helbing, Oscar Lüthy, Wilhelm Gimmi und Hermann Huber: „Um mit dem Expressionismus zu beginnen, muß ich wenigstens auf den Impressionismus zurückgreifen“ (in: Die Alpen, 6, 1912, H. 12 (August), S. 696ff; auch in: ders.: Schriften, hrsg. von Chr. Geelhaar, Köln 1976, S. 105ff.).
Der Beginn des literarischen Expressionismus wird sehr häufig mit Werfels 1911 erschienenem Buch „Der Weltfreund“ gesetzt.
Kurt Hiller, der Herausgeber von „Der Kondor“ hatte im gleichen Jahr 1911 dann als erster den Begriff auf einige jungen Dichter seiner Zeit angewandt. Auch hier spielt der Symbolismus eine zentrale vorbereitende Rolle: „Wir sind Expressionisten. Es kommt uns wieder auf den Gehalt, das Wollen, das Ethos an“ (zuerst in: Beilage Literatur und Wissenschaft, in: Heidelberger Zeitung, 1911, hier zitiert nach O. Best (Hrsg.): Theorie des Expressionismus, Stuttgart 1976, S. 3).
Im Jahr darauf nennt Hiller den Lyriker Hardekopf „den Verfasser der kondensiertesten deutschen Prosa, den Expressionisten, den Michelangelo des kleinen Formats“ (Kurt Hiller: F. Hardekopf, in: Die Aktion, 2, 1912, S. 1484).
Ebenfalls 1911 hatte Heinrich Mann seinen für die Begründung des politischen Expressionismus wichtigen Essay „Geist und Tat“ veröffentlicht (Heinrich Mann: Geist und Tat, in: Pan, 1, 1910/11, Nr. 5 (1. Januar 1911), S. 137-143).
Zahlreiche der in diesem Sinne expressionistische eingestuften Künstler und Literaten haben sich auch mit religiösen Motiven auseinandergesetzt: Emil Nolde, Karl Schmidt-Rottluff, Paul Klee in seinem Spätwerk, Ernst Barlach, Wilhelm Lehmbruck, außerdem: Oskar Kokoschka, Ernst Weiß, Ernst Toller, Rudolf Leonhard, Franz Marc, Ernst Wilhelm Lotz, Reinhard J. Sorge, Alfred Lichtenstein, August Macke, Albert Weisgerber, August Stramm.
Alleine schon deshalb erscheint eine Betrachtung über Parallelen zwischen künstlerischem, literarischem, religiösem und politischem Expressionismus sinnvoll. Nun liegen diese Parallelen für den nichtkatholischen Expressionismus weit mehr auf der Hand als für den katholischen. Man denke an die von 1911 bis 1918 erscheinende Zeitschrift „Aktion“ von Franz Pfemfert [Vgl. dazu Paul Raabe (Hrsg.): Ich schneide die Zeit aus. Expressionismus und Politik in Franz Pfemferts „Aktion“. 1911-1918. Mit einer ausführlichen Einleitung von Paul Raabe, 1964; Die Aktion. 1911-1918. Wochenschrift für Politik und Kunst, herausgegeben von Franz Pfemfert. Eine Auswahl von Thomas Rietschel, Berlin/Weimar 1986.].
Pfempfert hatte zuvor die Zeitschrift „Demokrat“ herausgegeben. Neben Herwarth Walden gilt er als einer der bedeutendsten Vermittler frühexpressionistischer Kunst. In der „Aktion“ herrscht eine Liaison des „Expressionismus mit der antinationalistischen und antikonservativistischen Publizistik“ vor [Wolfgang Rothe: Der Expressionismus. Theologische, soziologische und anthropologische Aspekte einer Literatur, 1977, S. 196]. Die in der "Aktion" versammelten jungen Dichter tendierten zu anarchistischen, pazifistischen, staatsfeindlichen und militärfeindlichen, dagegen nur selten kommunistische Positionen [H. E. Jacob: Expressionismus. Aufzeichnungen ... (Raabe), S. 16].
Die bekennenden Expressionisten Gottfried Benn [Gottfried Benn: Bekenntnis zum Expressionismus (in: »Deutsche Zukunft«, 5. 11. 1933], Thom und Bloch lehnen den Staat, genauer das „staatliche Gemeinsystem“ als „eigene, heidnische, satanische Zwangs-Wesenheit an sich“ ab [Benn, 27, II 57, 328, III 39???]. Die expressionistische Jugend läuft gegen den Staat als „weltliche Kirche“ Sturm und will ihn stürzen [Thom, 214,44; 215, 34???]. Stattdessen sehnt man ein „philadelphisches Reich“ herbei, das heißt eine sozialistische Gemeinschaft in „völlig gewaltfreier, evangelischer Konföderation“ [Bloch, Geist der Utopie: 29,321f; 329; 30,12 und 14???].
Ebenso begegnet ein Großteil des Expressionismus der Kirche ablehnend bis feindlich. Einher ging sehr häufig das Nietzscheanische Postulat vom „Tod Gottes“ bzw. der „Nicht-Existenz Gottes“ [Thomas Anz/Michael Stark (Hrsg.): Expressionismus. Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1910-1920, Band 2, 1982, S. 126: „Angesprochen ist wohl vor allem Friedrich Nietzsches Religionskritik und sein Diktum vom `Tod Gottes´, das zu einem wichtigen Motiv expressionistischer Dichtung geworden ist. Vgl. u.a. A. Wolfensteins ersten Gedichtband DIE GOTTLOSEN JAHRE (Berlin 1914), A. Ehrensteins Gedicht GOTTES TOD (Gedichte und Prosa, Newied/Berlin 1961, S. 150)“ Siehe dazu: Christoph Eykman: Zur Theologie des Expressionismus, in: ders.: Denk- und Stilformen des Expressionismus, München 1974, S. 63-107 und Wolfgang Rothe: Der Mensch vor Gott. Expressionismus und Theologie, in: ders. (Hrsg.): Expressionismus als Literatur. Gesammelte Studien, Bern/München 1969, S. 37-66.].
Gegen den Tod Gottes bzw. der Religion überhaupt setzt der Expressionist Georg Trakl ihre Ansicht von der „toten Kirche“ (Trakl, spätestens 1909); nämlich dass „in einer Welt, die keine Tempel mehr kennt, deren Altäre entweiht sind (ERMATTEN) ... nicht Gott tot“ sei, „sondern die Kirche, der Glaube; tot, seitdem die Liturgie ein `trauriges Gepränge´, ein von `schlechten Betern mit erstarrten Herzen´ aufgeführtes `seelenloses Spiel´ geworden“ sei [Matteo Neri: Das abendländische Lied - Georg Trakl, Würzburg 1996, S. 19 in Bezug auf Georg Trakl. Dichtungen und Briefe. Historisch-kritische Ausgabe, hrsg. von Walther Killy und Hans Szklenar, Salzburg 1969, S. 256].
[Trakls Mutter war ursprünglich und seine Frau blieb katholisch, er selbst wurde durch den Vater protestantisch erzogen, siehe Hans Weichselbaum: Georg Trakl, Salzburg 1994, S. 187; Alfred Focke: Georg Trakl. Liebe und Tod, Wien/München 1955, S. 80. Marie-Thérèse Kerschbaumer nennt ihn einen „protestantischen Schüler in einer erzkatholischen Stadt“ (Marie-Thérèse Kerschbaumer: Georg Trakl, in: Salz, S. 34-41, hier S. 34]
Und Georg Heym, ebenfalls als Expressionist bekannt, spricht von der „neuen Religion“ (Heym, Weihnachten 1909) [Wolfgang Rothe: Der Expressionismus. Theologische, soziologische und anthropologische Aspekte einer Literatur, Frankfurt am Main 1977, S. 218]: „Die herrschende Religion gleicht einem Gefäß ohne Inhalt, einem Totenkopf ohne Hirn, dem übertünchten Grabe der Bibel“ [Georg Heym: Dichtungen und Schriften, hrsg. von Karl Ludwig Schneider, II: Prosa und Dramen, Hamburg 1960 ff, S. 164].
Dieser Gruppe von Expressionisten geht es also mehr um Kirchen- und Kultkritik als um fundamentale Religionskritik.
Karl Heinz Herke: Expressionismus und Schönheit (1919)
Der Mainzer Karl Heinz Herke (1889-1965), später Dichter, Literaturwissenschaftler und Kunsthistoriker, gehörte neben Guardini und Neundörfer zum sogenannten Schleußner-Kreis um Wilhelm und Josefine Schleußner [vgl. dazu Adam Gottron: Professor Wilhelm Schleußner (1864-1927), in: Mainzer Almanach 1966, S. 158-163, hier S. 161f.; ders.: Juventus 1890-1921, in: Mainzer Almanach, 1967, S. 127-141, hier S. 138].
Guardini hatte Herke bereit 1914 gegenüber Weiger erwähnt (46. Brief vom 10.05.1914): "Wie gefällt Dir Herkes Arbeit über das Problem des Ausdrucks bei Hebbel?" [ebd. S. 144 in Bezug auf Herkes Inaugural-Dissertation "Hebbels Theorie und Kritik poetischer Muster" (1913)].
Zum Thema Expressionismus schreibt Guardini seinem Freund Josef Weiger (81. Brief vom 27.11.1919): "Dr Herke (Du kennst ihn vielleicht aus seinem letzten Hochlandaufsatz über »Expressionismus und Schönheit«; er lebt ganz in dieser Kunst) sagte: »es ist eine apokalyptische Zeit. Der Geist weht wieder.« Das drückt aus, was ich meine. Man kann es nicht beweisen. Es kommt auf die Gemütsart und auf die Erfahrung des Einzelnen an, ob er in dem Chaos die Trümmer der Zerstörung oder die Geburtsgärung des Neuen sieht. Ich erwarte von dieser Kunst wieder einmal wahre, de profundis kommende religiöse Schöpfungen, und teile vollkommen die Geringschätzung für alles, was das 19. Jahrhundert dieser Art hervorgebracht. Für das Meiste, will ich sagen. Es ist auch manches Große dabei, aber nicht viel. »Überall tritt das Lebendige an Stelle des Mechanischen« (von dem z.B. der Kapitalismus nur die oekonomische Erscheinungsform ist.*) - das scheint mir die Formel für alles. In der Jugendbewegung gehen Dinge vor, von denen der Außenstehende sich keinen Begriff macht!" [Briefe an Josef Weiger 1908-1962, S. 226 in Bezug auf: Karl Heinz Herke, Expressionismus und Schönheit, in: Hochland, 17, 1919, 63-70].
Auch die anderen Aufsätze Herkes im Hochland dürfte Guardini daher gekannt haben (z.B. Hans von Marées und die Zukunft des klassischen Ideals, in: Hochland, 18/I,1920–1, S. 59–66).
In einer handschriftlichen Postkarte an Richard Knies, Pützchen bei Beuel/Rheinland, undatiert [um 1920] <Diözesanarchiv Mainz> schlägt Guardini eine kleine Reihe von alten biographischen Texten vor (Acta Martyrum, Ausgewähltes aus des Palladius Mönchsleben, Nekrologe des heil. Hieronymus, Otloh von St. Emmeram) und schlägt als Bearbeiter den Knies und Guardini gleichermaßen aus dem Schleußner-Kreis bekannten Herke vor: "Vielleicht wäre Dr. Herke dafür zu haben. Interessieren tuts ihn sicher. Er müßte sich nur einen vom Fach dazu nehmen (P. Hildebrand Bihlmeyer O.S.B.?).“
Herke gehörte ab 1921 zu den Hauptautoren des Matthias-Grünewald-Verlags:
- Hebbels Theorie und Kritik poetischer Muster, Matthias Grünewald-Verlag, Mainz 1921;
- Der Dreifaltigkeitsspiegel in der modernen Wissenschaft. (1. u. 2. Tsd.) Mainz: Matthias Grünewald Verlag; Auslieferung: H. Rauch, Wiesbaden 1921;
- Vom Expressionismus zur Schönheit. Versuche über Entwicklungen und Wesen der modernen Kunst. Mit zwei farbigen Bildtafeln. (1.-3. Tsd.) Mainz: Matthias-Grünewald-Verlag, Ausl.: Wiesbaden: H. Rauch 1923.
Ab 1922/23 ist er wie Guardini auch Autor in der Zeitschrift "Die Tat":
- Goethe und Thomas von Aquin, in: Die Tat, 14, 1922/23, 1 (1922), S. 64-68 und 99 [ein Thema das Guardini selbst in einer Ansprache auf Burg Rothenfels aufgreift: Von Goethe und Thomas von Aquin und vom klassischen Geist ];
- Mönch und Kirche, in: Die Tat, 14, 1922/23, S. 122-131
Herke leitete neben Guardini und Abele einen der Arbeitskreise bei der Werkewoche des Quickborn-Älterenbundes an Ostern 1922 auf Burg Rothenfels. Und auch an der Werkwoche im August 1924 nahm Herke als Impulsgeber und Gesprächspartner - zum Thema "Neue Kunstbewegung", genauer: "Gestalt, Ausdruck, Lebensschau in der neuen Kunstbewegung (Malerei)".
Interessant im Zusammenhang mit Guardinis Unterscheidung von Liturgiewissenschaft und Liturgiegeschichte ist auch: Karl Heinz Herke: Kunstwissenschaft oder Kunstgeschichte? Ein Gedenkblatt für Fritz Burger, Kösel: 1919.